Anzeige
Anzeige
Experten sprechen von „PSA-Skandal“

US-Prostatakrebs-Screening-Studie falsch ausgewertet

19.05.2016
Graefen
Markus Graefen, Prostatakrebs-Experte aus der Martini-Klinik. Foto: Graefen

Wie kürzlich auf dem US-amerikanischen Urologenkongress in San Diego berichtet wurde, unterliegt die große Prostatakrebs-Screening-Studie PLCO einem eklatanten Fehler, der das Ergebnis verfälscht – ein wissenschaftlicher Skandal, sagen führende Urologen.

Nach Angaben von Prof. Markus Graefen und Prof. Hartwig Huland, Leitende Ärzte der auf Prostatakrebs spezialisierten Martini-Klinik am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf (UKE), besteht der Fehler darin, dass auch im Kontrollarm bei circa 90 Prozent der Patienten der PSA-Test durchgeführt wurde. Das habe daran gelegen, dass dort ein Vorgehen nach „klinischer Praxis“ zugelassen war. Um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, hätte man aber genau differenzieren müssen zwischen Männern, die den PSA-Test durchführten, und solchen, die dies nicht tun sollten.
 
Die US-amerikanische PLCO-Studie, an der über 75.000 Männer teilnahmen, hatte keinerlei Unterschied zwischen beiden Studienarmen in Bezug auf Prostatakrebs-bedingte Todesfällen gesehen. Angesichts der neuen Analyse erscheint dieses Ergebnis nicht verwunderlich, da ja in beiden Armen der PSA-Test durchgeführt wurde.

Nicht-Empfehlung mit Konsequenzen
 

Die offenbar falsche erste Analyse hatte jedoch zu bedeutenden Konsequenzen geführt: Die US-amerikanische „United Services Preventative Task Force“ (USPTF), deren Aufgabe es ist, Screenings-Tests in ihrem Nutzen zu beurteilen, hatte daraufhin von einer flächendeckenden Vorsorge mit dem PSA-Test abgeraten. Diese Nicht-Empfehlung hat nach ihrer Herausgabe im November 2011 zu einer deutlichen Abnahme von PSA-Tests geführt.
 
Aktuelle Daten zeigten nun sogar wieder das vermehrte Auftreten aggressiverer Tumoren aufgrund einer verzögerten Diagnostik, so Graefen und Huland. Für die beiden Prostatakrebs-Experten ist der nun bekannt gewordene Fehler ein wissenschaftlicher Skandal: „Es ist unverständlich, wie so ein banaler Fehler bei einer so weitreichenden Studie passieren konnte und warum es solange brauchte, bis dies erkannt wurde!“ Nach der neuen Erkenntnis könne die Negativstudie zur Beurteilung der Wertigkeit des PSA-Testes nicht mehr verwendet werden; die Rolle dieses Früherkennungstests müsse komplett neu bewertet werden.

Europäische Daten zeigten Unterschied
 
Die große europäische Screening-Studie, an über 180.000 Männer teilnahmen, hatte im Langzeitverlauf eine Halbierung der prostatakrebsbedingten Todesfälle ergeben, wenn Männer den PSA-Wert messen ließen und bei Auffälligkeiten eine Diagnostik und Therapie durchführen ließen, im Vergleich zu solchen, die dies nicht taten. „Wir erwarten nun, dass die Rolle des PSA-Wertes von der amerikanischen Task Force neu bewertet wird und dass auch die deutschen Behörden den Blut-Test als wichtigen Früherkennungstest anerkennen“, fordern die Experten von der Martini-Klinik.

(ms)
 

Markus Graefen, Prostatakrebs-Experte aus der Martini-Klinik. Foto: Graefen