Anzeige
Anzeige
Kritik auf dem 69. DGU-Kongress

Verzettelte Facharztausbildung

06.10.2017
Stöckle auf dem 69. DGU-Kongress
„Die Attraktivität der Urologie auf dem Krankenhausmarkt ist eine sehr gefährliche Droge“, meint Michael Stöckle. Foto: Schmitz

Schlechte Noten für die urologische Facharztausbildung: Bei einem Forum des 69. DGU-Kongresses am 22.09.2017 in Dresden kritisierten hochrangige Urologen Form und Inhalte heftig.

Prof. Stefan C. Müller, Direktor der der Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie am Universitätsklinikum Bonn, nahm beim 69. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) kein Blatt vor den Mund: „Unsere Ausbildung ist eine Katastrophe!“ Die fünf Jahre Facharztausbildung reichen seiner Ansicht nach überhaupt nicht aus, um das Spektrum der Urologie zu integrieren – zumal eigentlich nur zweieinhalb Jahre für die Urologie zur Verfügung stehen: Ein Jahr Chirurgie, ein Jahr ambulante Tätigkeit und sechs Monate in einem anderen Fach werden anerkannt. Ein Wechsel der Ausbildungsstätte ist nicht nötig und diese wird nach Müllers Darstellung nur „einmal pro forma und nie mehr wieder“ evaluiert. Der größte Skandal ist für den Bonner Chefarzt jedoch: „Wir bilden Operateure aus, die wir nie testen!“

Überangebot an urologischen Abteilungen

Die ihm gestellte Frage „Ist die Facharztausbildung in der Urologie noch zeitgemäß?“ beantwortete Prof. Michael Stöckle, Direktor der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Universitätsklinikum des Saarlandes, mit „eher nicht“. Er stellte in seinem Forumsbeitrag detailliert dar, woran das seiner Meinung nach liegt: an der „Verzettelung“ der Klinik-Urologie in Deutschland, wo es 506 Krankenhäuser mit urologischer Abteilung gibt – nach Stöckles Analyse ein „übersättigter Markt“, mit unangenehmen Folgen für die Beteiligten: „Chefarzt-Hopping und Chefarzt-Mobbing sind weit verbreitete Sportarten geworden.“

Der Grund, warum so viele Kliniken eine urologische Abteilung haben, bestehe in der Attraktivität des Fachs für die Krankenhausgeschäftsführer, meint Stöckle, denn bei überschaubaren Investitionen werfe eine urologische Abteilung gut Umsatz ab. Andere Fachgebiete wie die Neuro- und Herzchirurgie, die teure Gerätschaften benötigen, seien vor der Verzettelung besser geschützt. „Die Attraktivität der Urologie auf dem Krankenhausmarkt ist eine sehr gefährliche Droge“, so Stöckle.

Selbst Unikliniken erreichen oft nicht die Mindestzahlen

Für die Urologenausbildung bedeutet dies, dass die ausbildenden Kliniken teilweise nicht mehr die geforderten Mindestzahlen an Eingriffen erreichen, so Stöckle. Dies treffe sogar auf die Universitätskliniken zu: Diese hätten nach Zahlen des Bundesverbandes Blasenkarzinom Selbsthilfe im Jahr 2015 zwischen 14 und 2307 Prostatektomien (Median: 80) sowie zwischen sieben und 108 Zystektomien (Durchschnitt: 47) durchgeführt. Damit kommen also zehn von 35 Universitätskliniken nur auf bis zu 50 Prostatektomien, und zwölf von 34 Universitätskliniken erreichen maximal ein Volumen von 30 Zystektomien im Jahr. „Damit nähern wir uns dem Kern des Problems“, fasst Stöckle zusammen, „wenn schon die Unikliniken nicht mehr in der Lage sind, einen breit aufgestellten Facharzt auf halbwegs homogenem Niveau auszubilden.“

Darüber hinaus, schätzt der Homburger Chefarzt, werden 90 Prozent der Fachärzte extrauniversitär ausgebildet. Stöckle beklagt eine „Entwissenschaftlichung der Urologie“: Die Anzahl der eingereichten Abstracts aus der Urologie hätten national und international abgenommen, und „der Urologe“ gelte in Kreisen wie der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) als fortschritts- und wissenschaftsfeindlich.

„Entmüllung“ oder „Verflachung“?

Bestrebungen, deshalb die Mindestmengen der für den Facharzt notwendigen Operationen abzusenken, hält der Saarländer Klinikdirektor jedoch für kontraproduktiv und geht hier auf Distanz zum Deutschen Ärztetag und zu Prof. Oliver Hakenberg aus Rostock, dem Ex-Generalsekretär und zukünftigen Präsidenten der DGU. Der Deutsche Ärztetag hatte 2017 beschlossen, die Mindestzahlen für operative Fertigkeiten sollten niedrig gehalten werden, „damit nicht Forderungen zu hoher Zahlen einen Engpass für das Erfüllen der Anforderungen oder gar das Absolvieren der Weiterbildung schaffen“ (1). Hakenberg hatte sich in Bezug auf die medikamentöse Tumortherapie gegen höhere Mindestzahlen ausgesprochen, wie sie von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie gefordert wurden: „Höhere Mindestzahlen bedeuten (…) eine Abnahme der Zahl der weiterbildungsermächtigten Kliniken, was zu einer Schwächung der Urologie in diesem Sektor führen würde.“ (2) „Ich sehe das umgekehrt“, kommentierte Stöckle in Dresden, „Nichts würde die Urologie mehr stärken, als wenn die Zahl der weiterbildungsberechtigten Kliniken abnähme und die verbleibenden eine unbezweifelbare Daseinsberechtigung hätten.“ Die vom Ärztetag so genannte „Entmüllung“ der Facharztausbildung könne man ebenso als „Verflachung“ bezeichnen. Hier würden schlicht die Anforderungen den Realitäten angepasst. „Mit solchen Phrasen kämpft ein marode gewordenes System um sein Weiterleben“, so Stöckle.

Radikalbeispiel Dänemark

Was ist also zu tun? Als Radikalbeispiel nannte Stöckle Deutschlands nördlichen Nachbarn: „Dänemark reißt gerade alle Krankenhäuser ab und baut drei Großkrankenhäuser für 5,7 Millionen Menschen.“ Auf Deutschland umgerechnet entspräche dies 40 Krankenhäusern mit urologischer Abteilung. Eine große urologische Klinik nach diesem Modell würde nach Stöckles Idealvorstellung angehende Fachärzte in allen Teilgebieten zum selbstständigen Therapeuten ausbilden, und man bräuchte auch nicht zu befürchten, dass kleinere Teilgebiete untergingen. Dass dieses Modell zurzeit illusorisch ist, ist jedoch auch Stöckle klar, und so konnte er dem Kommentar von Sitzungs-Moderator Prof. Kurt Miller, Klinikdirektor der Urologie an der Berliner Charité, „das mit den 40 Krankenhäusern sehe ich nicht so schnell passieren“, nur beipflichten.

(ms)

Literatur:
1. Deutscher Ärztetag. Beschlussprotokoll, Freiburg 2017, http://daebl.de/AK71
2. Hakenberg OW. Urologe 2017;56:997–1000
 

„Die Attraktivität der Urologie auf dem Krankenhausmarkt ist eine sehr gefährliche Droge“, meint Michael Stöckle. Foto: Schmitz