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Ärzteverbände zum Honorarbeschluss 2018

"Situation wird sich verschärfen"

22.09.2017
Aus dem Gleichgewicht: Nach dem Honorarbeschluss kritisieren Ärzteverbände, dass sich der GKV-Spitzenverband als "Sparkasse" geriere, während bei den Vertragsärzten der Kostendruck wachse. Bild: © gearstd - Fotolia.com

Nachdem das Ergebnis der Honorarverhandlungen für die Vertragsärzte bekannt ist, melden sich Ärzteverbände mit massiver Kritik zu Wort. Da keine Einigung zwischen KBV und GKV-Spitzenverband möglich war, hatte der Erweiterte Bewertungsausschuss* entschieden.

Der Orientierungswert wird 2018 um 1,18 Prozent von bisher 10,53 Cent auf dann rund 10,65 Cent angehoben. Damit steigt die Gesamtvergütung nach Angaben der KBV, die gegen diesen Beschluss gestimmt hatte, um circa 525 Millionen Euro. Von der KBV gefordert war eine Anhebung des Orientierungswertes um 2,4 Prozent. Der Spitzenverband der Krankenkassen hatte eine Nullrunde gewollt.  Der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Gassen und sein Stellvertreter Dr. Stephan Hofmeister haben sich in einer Stellungnahme zum Honorarbeschluss dafür ausgesprochen, dass es künftig wieder möglich sein sollte, mit einzelnen Kassenverbänden statt mit dem GKV-Spitzenverband Honorarverhandlungen zu führen.

Hartmannbund: Systemdebatte muss geführt werden
Nach Überzeugung des Vorsitzenden des Hartmannbundes (HB), Dr. Klaus Reinhardt, erzwingt  "die fortgesetzte restriktive Blockadehaltung des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen" bei den Honorarverhandlungen eine "grundsätzliche Systemdebatte". Das Selbstverständnis des Spitzenverbandes, das im Wesentlichen darin bestehe, sich durch Bereitstellung der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung von jeglicher Versorgungsverantwortung zu befreien, gehöre grundsätzlich in Frage gestellt.
 
„Eine bislang noch immer funktionierende Versorgungsstruktur mit wirtschaftlich selbstständigen Ärztinnen und Ärzten in ihren eigenen Praxen wird auf Dauer jede Anziehungskraft für jüngere Ärztinnen und Ärzte verlieren, wenn ihr die finanzielle Grundlage dadurch entzogen wird, dass einem unbegrenzten Leistungsversprechen der Krankenkassen an ihre Versicherten ein rigide eingeschränktes Honorarvolumen ohne jeden Bezug zum Leistungsumfang gegenübersteht“, sagte Reinhardt. Solange die Krankenkassen am wirtschaftlichen Risiko durch Demographie, Morbiditätsentwicklung, medizinischen Fortschritt und auch "von ihnen im Wettbewerb selbst induzierten Leistungsanspruch der Versicherten" nicht unmittelbar wirklich angemessen beteiligt seien, werde es ihrerseits zu keiner wirklichen Verantwortungsübernahme im Rahmen einer sinnvoll organisierten Patientenversorgung kommen. Es trage am Ende "Züge von Perfidie", so der HB-Chef, wenn die Kassen im Wettbewerb um Kunden immer mehr Leistungsversprechen aus dem Hut zauberten, deren Kosten dann bei den Leistungserbringern kompensiert würden. Damit werde das Morbiditätsrisiko unverändert bei den Ärzten abgeladen.
 
Quartalsbezug der Vergütung in Frage stellen
Reinhardt: „Wir müssen deshalb – nicht nur mit Blick auf die Notfallversorgung – unseren Druck auf die Politik erhöhen, intelligente Maßnahmen zur Steuerung der Inanspruchnahme von Leistungen im Gesundheitswesen gesetzgeberisch zu implementieren.“ Darüber hinaus müsse durch die ärztliche Selbstverwaltung das Ziel fester Preise für klar definierte ärztliche Leistungen konsequent verfolgt werden. Im Übrigen sei auch der Quartalsbezug der ärztlichen Vergütung, der immer wieder auch zu einer medizinisch unbegründeten Aufblähung der Arzt-Patienten-Kontakte führe, neben zahlreichen anderen Effekten der  Honorarsystematik in einem konstruktiven Dialog grundsätzlich in Frage zu stellen. „Dies kann aber nur gelingen, wenn der legitime ärztliche Honoraranspruch durch die Krankenkassen in einer solchen Diskussion nicht sofort wieder in kleinkrämerischer Manier in Frage gestellt wird“, stellte Reinhardt klar.
Auch wenn man sich für die Durchsetzung dieser Forderungen auf "einen mühsamen und mindestens mittelfristigen Weg" begeben müsse, sei dies am Ende lohnender, als sich Jahr für Jahr in Verhandlungen zu begeben, an deren Ende "vorhersehbar in erster Linie das Gefühl der Ohnmacht und das Ritual öffentlicher Empörung" stehe, meinte Reinhard.

Freie Ärzteschaft: "Verheerendes Signal"
Die Freie Ärzteschaft (FÄ) kritisiert den neuen Honorarbeschluss für die Kassenärzte als "verheerendes Signal für die ambulante Medizin in Deutschland".
"Die festgelegte Honorarsteigerung von 1,18 Prozent für das Jahr 2018 bildet weder die Kostensteigerungen in den Arztpraxen ab, noch wird sie dem stetig zunehmenden Behandlungsbegehren der Bevölkerung gerecht. Real bedeutet das: Es werden noch weniger Mittel zur Verfügung stehen", sagte FÄ-Vorsitzender Wieland Dietrich.
 
 Im Erweiterten Bewertungsausschuss habe der Vorsitzende allein gegen die Ärzte entschieden. Das Ergebnis spiegele nicht einmal die elementaren Kostensteigerungen der Kassenärzte wider. "Nun muss jeder Arzt für sich entscheiden, was er damit anfängt", betonte Dietrich. "Letztlich können viele Ärzte gar nicht anders verfahren, als Umfang und Aufwand der medizinischen Leistungen ihrer wirtschaftlichen Situation anzupassen. Das heißt oft, diese weiter zu reduzieren."  Die FÄ nennt hierzu folgende Zahlen: Medizinische Fachangestellte bekommen dem neuen Tarifabschluss zufolge 4,8 Prozent mehr Gehalt. Für das Jahr 2018 prognostiziert das Statistische Bundesamt eine Inflationsrate in Deutschland von 1,7 Prozent. Durch die Budgetierung in der ambulanten Medizin werden bereits jetzt durchschnittlich 20 Prozent der erbrachten ärztlichen Leistungen nicht bezahlt. Zudem gibt es immer mehr ältere Menschen, die naturgemäß mehr medizinische Betreuung brauchen.
 
Möglichkeiten der Kassenärzte weiter eingeengt
"Wie lassen sich Kostensteigerungen, zunehmender Behandlungsbedarf und Investitionen in moderne medizinische Geräte mit 1,18 Prozent Honorarzuwachs, also einem realen Minus, bewältigen?", fragt der FÄ-Chef. "Jeder Arzt muss jetzt entscheiden, welche medizinischen Leistungen er im Bereich der Kassenmedizin mit welchem Aufwand noch vertreten und welche Leistungen er nur noch im Rahmen der Privatmedizin anbieten kann." Schließlich seien Ärzte verpflichtet, jeden Patienten fachgerecht zu behandeln - das sei nicht verhandelbar.
 
Zeit für Patienten wird immer knapper
Dietrich befürchtet, dass sich angesichts dieser Honorarentwicklung die Bedingungen in der ambulanten Medizin weiter verschärfen, so wie es die Patienten bereits seit Jahren wahrnehmen:
Die Möglichkeiten der Ärzte, kassenärztliche Leistungen anzubieten, werden weiter eingeengt. Auch der Mangel an Praxisnachfolgern werde sich verschärfen. "Außerdem haben wir immer weniger Zeit für unsere Patienten", beklagt der FÄ-Chef. Zeit sei aber wichtig, um die richtigen Fragen stellen und Untersuchungen umfassend durchführen zu können. Deshalb habe die FÄ kürzlich gefordert: mehr von den Krankenkassen bezahlte Zeit für Gespräche und Untersuchungen, mehr bezahlte Zeit für die Grundlagenmedizin in Deutschland. Das funktioniere aber nicht, solange sich die gesetzlichen Krankenkassen als Sparkassen gerierten und nur noch 15 Prozent aller Ausgaben für die ambulante Medizin zur Verfügung stünden.


* Anm. d. Red.: Der Erweiterte Bewertungsausschuss ist ein Schiedsgremium und wird einberufen, wenn im Bewertungsausschuss (gemeinsame Selbstverwaltung der Ärzte und Krankenkassen),  der über den Einheitlichen Bewertungsmaßstab und Regelungen zur vertragsärztlichen Vergütung entscheidet, keine Beschlussfassung möglich ist. Der Bewertungsausschuss wird dann um einen unparteiischen Vorsitzenden und zwei weitere unparteiische Mitglieder erweitert.
https://institut-ba.de/ba.html
 

Aus dem Gleichgewicht: Nach dem Honorarbeschluss kritisieren Ärzteverbände, dass sich der GKV-Spitzenverband als "Sparkasse" geriere, während bei den Vertragsärzten der Kostendruck wachse. Bild: © gearstd - Fotolia.com