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Psychosomatische Sprechstunde im Betrieb

Neues Versorgungsmodell erreicht Betroffene früher

09.02.2017
Foto: © Focus Pocus LTD - Fotolia.com

Psychosomatische Sprechstunden am Arbeitsplatz ermöglichen einen besseren Zugang zu Therapien und damit einen frühzeitigen Behandlungsbeginn. Das zeigen Wissenschaftler der Universitätsklinik Ulm gemeinsam mit Forscherkollegen.

Psychische Erkrankungen verursachen laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin jährlich einen finanziellen Schaden in Höhe von 16 Milliarden Euro. Tendenz steigend. Doch nicht nur für Unternehmen und die Gesellschaft sind die Kosten hoch. Auch der betroffene Arbeitnehmer „bezahlt“: Ihm drohen eine schlechtere Lebensqualität, Arbeitsunfähigkeit oder sogar Frühpensionierung.

Obwohl in Deutschland die Kosten für eine Psychotherapie in der Regel von den Krankenkassen übernommen werden, begibt sich nur jeder fünfte psychisch Erkrankte in Behandlung. Mögliche Gründe können die Angst vor Stigmatisierung sein oder ein unzureichender Zugang zu therapeutischen Hilfsangeboten. „Studien haben jedoch gezeigt, dass Betroffene deutlich besser auf Therapien ansprechen, wenn die Krankheit bereits in frühen Stadien behandelt wird“, erklärte Dr. Eva Rothermund, Leiterin der Multimodalen Schmerztherapie und ressourcenorientierten Verhaltenstherapie an der Ulmer Uniklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Um zu erforschen, ob therapiebedürftige Personen besser und vor allem früher erreicht werden, wenn ihnen an ihrem Arbeitsplatz Hilfe angeboten wird, haben die Wissenschaftler um Rothermund und Prof. Harald Gündel, Ärztlicher Direktor der Ulmer Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, ein neues Versorgungsmodell an der Schnittstelle zwischen betriebsärztlicher Betreuung und bestehenden ambulanten Angeboten geprüft. Eingeführt und untersucht wurde das Modell in Zusammenarbeit mit dem Tübinger Institut für Arbeits- und Sozialmedizin, der Sektion Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung (Bezirkskrankenhaus Günzburg) und mit Unternehmen aus der Region Ulm und Stuttgart. Gemeinsam mit Kliniken vor Ort haben die Firmen eine „Psychosomatische Sprechstunde im Betrieb“ in Form eines Konsiliarmodells eingerichtet. Das heißt, bei Bedarf zieht der Betriebsarzt einen Psychotherapeuten hinzu.

Für die Untersuchung konnten die Wissenschaftler knapp 370 Versuchspersonen rekrutieren. Fast die Hälfte von ihnen (174 Personen) hat das neue Versorgungsmodell der psychosomatischen Sprechstunde am Arbeitsplatz wahrgenommen, die restlichen Teilnehmer nutzten die Ambulanz an einer von zwei beteiligten psychosomatischen Kliniken. Alle Versuchspersonen füllten mehrere Fragebögen aus, in denen sie beispielsweise Auskunft über ihre Lebensqualität, psychische Gesundheit, ihre Arbeitsfähigkeit und arbeitsbedingten Stress gaben. Es zeigte sich, dass Betroffene mit deutlich schlechterer physischer und seelischer Gesundheit eher die etablierten Ambulanzen an einer Klinik aufsuchten. Die Sprechstunde im Betrieb hingegen hat vor allem Personen erreicht, die am Anfang einer seelischen Belastung stehen, aber bislang nur wenig in ihrer Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt sind. Im Übrigen wurde die Betriebssprechstunde von verhältnismäßig mehr Männern genutzt als es bei ambulanten Angeboten der Fall ist. Das neue Versorgungsmodell könnte also der mit Therapien bislang unterversorgten Gruppe betroffener Männer helfen, den Weg zu einer adäquaten Behandlung zu finden.

„Mit unserer Studie konnten wir erstmals nachweisen, dass eine psychosomatische Sprechstunde am Arbeitsplatz gut angenommen wird und damit eine wirkliche Alternative zu bisher etablierten Ambulanzen im bestehenden Versorgungssystem ist. Sie bietet insbesondere auch Betroffenen, die am Anfang einer psychischen Störung stehen, einen besseren Zugang zu Therapien“, resümieren die Autoren.

Ein möglicher Grund für die hohe Akzeptanz der Betriebssprechstunde könnte eine niedrigere Hemmschwelle sein, weil das Angebot in den funktionierenden betriebsärztlichen Dienst eingebettet ist. Dies könnte ebenfalls die Angst vor Stigmatisierung gemindert haben. In Zukunft soll das neue Versorgungsmodell noch mehr auf die Bedürfnisse der Patienten und die betriebsärztliche Betreuung zugeschnitten werden.
 

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