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Ess-Störungen

App als Therapiebegleiter

19.10.2017
Foto: © Africa Studio - Fotolia.com

Seit Anfang Oktober dieses Jahres beschreitet die Schön Klinik in Prien am Chiemsee neue Wege in der Therapie von Ess-Störungen: Eine App wird erstmals regulärer Bestandteil der stationären Therapie.

Mithilfe einer App sollen magersüchtige Patienten ihr Verhalten leichter ändern und schneller zunehmen können. Dafür gibt es erste Hinweise in einer Kontrollstudie. Der erste Standort, der diese neue Therapieform einführt, ist die Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Die weiteren Psychosomatik-Kliniken werden folgen.

„Dass wir diesen Schritt gehen, ist schon außergewöhnlich“, sagte Dr. Silke Naab, Chefärztin der Schön Klinik Roseneck. „Wenn mir vor einigen Jahren jemand gesagt hätte, wir würden eine im App-Store frei verfügbare Applikation regulär in unsere Therapie aufnehmen, hätte ich das nicht geglaubt. Aber die Resultate stimmen optimistisch, und die teilnehmenden Patienten profitieren sehr von der App.“

Drei Monate lang hat die Fachklinik am Chiemsee Nutzen und Praktikabilität der App "Recovery Record" im therapeutischen Alltag untersucht. Wissenschaftlich begleitet wurde sie dabei von der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) unter Leitung von Prof. Ulrich Voderholzer, Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck. Das Ergebnis: Der Body-Mass-Index (BMI) der App-Nutzer entwickelte sich günstiger als jener der Kontrollgruppe. Das galt für den Zeitpunkt der Entlassung und auch noch acht Wochen danach.

„Recovery Record“ ist Tagebuch, Kalender und Motivationscoach in einem und kann den Nutzer auf dem Weg in ein gesünderes Leben begleiten. Jeder Nutzer kann beispielsweise seine eigenen Bewältigungsstrategien in die Anwendung eingeben, z. B. Texte, Bilder oder Musik als Motivation speichern. In erwartbar schwierigen Situationen schickt die App dann eine persönliche Nachricht, um den Nutzer positiv zu verstärken.

Lea, 14-jährige Patientin mit Essstörung, ist eine derjenigen, die sich die App schon kurz nach der stationären Aufnahme in der Schön Klinik heruntergeladen hat und die App täglich nutzt. Für sie ist die zusätzliche Orientierung bei den täglichen Mahlzeiten eine echte praktische Hilfe: Wenn sie wegen Mahlzeitenmenge oder -zusammenstellung sehr unsicher ist, schickt sie ihrer Therapeutin eine Nachricht mit Foto. Eine kurze Bestätigung als Antwort, ein Lob oder ein Tipp können helfen, stundenlange Grübeleien und Zweifel zu vermeiden.

Unmittelbarer Kontakt zum Therapeuten – und Arbeitserleichterung

Recovery Record ist frei im Appstore (iPhone / Android) verfügbar und stellt die weltweit am meisten genutzte App für Menschen mit Essstörungen dar: Mehr als 400.000 User hat sie weltweit, rund 10.000 davon in Deutschland. Entwickelt wurde sie 2011 in den USA, basierend auf jahrzehntelanger verhaltenstherapeutischer Forschung.

Bei Erwerb einer Lizenz ist es möglich, dass Therapeuten und Patienten über die App miteinander in Kontakt treten. „Erst wenn der Patient mich explizit einlädt oder auf meine Einladung reagiert, kann ich als Therapeut Einsicht in seine Eintragungen bekommen“, erklärte Sabrina Pausch von der Schön Klinik Roseneck. Für die Psychologin ist es eine Arbeitserleichterung, ohne Papierkram die Mahlzeiten ihrer Patienten im Blick zu haben. Nicht zuletzt erlaubt die App kurzfristige Interventionen und Unterstützungen. „Ich sehe, welche Gedanken und Gefühle die Patienten protokollieren, und habe dadurch einen besseren Eindruck, wie es ihnen gerade geht,“ sagte Pausch. „Auch, wenn ich sie gerade nicht persönlich sehen kann.“
 

Foto: © Africa Studio - Fotolia.com